Tag 2, 23. Dezember
"Wenn Soldaten Respekt bekunden..."
 | |  |
Meine drei Personenschützer und Oberstleutnant Ralf Herm (M.)
| | In der Transall
|
TERMEZ/MAZAR-E-SHARIF Beim Frühstück um halb acht werden mir meine drei Personenschützer vorgestellt. Für einen Augenblick glaube ich an einen Scherz – ich bin doch nicht die Bundeskanzlerin. Recht schnell werde ich aber erfahren, dass diese Bewachung keineswegs übertrieben ist. Abschied aus Termez: Der Flug mit der Transportmaschine Transall über das Gebirge nach Mazar-e-Sharif in das Camp Marmal dauert gerade einmal 20 Minuten. Das Regionalkommando Nord in Mazar-e-Sharif steht unter deutscher Führung und hat 5600 Soldaten unterschiedlicher Nationen. General Frank Leidenberger empfängt uns und führt mich sogleich zu den Soldaten. Sie zeigen mir den Stützpunkt und sprechen über ihren Auftrag in diesem Auslandseinsatz. Von Berührungsängsten spüre ich nichts. Es hat sich bereits herumgesprochen, dass ich keine typische Politikerreise mache. Ich werde nicht ein oder zwei Tage bleiben, sondern eine ganze Woche, was viele beeindruckt. Wenn Soldaten Respekt bekunden, so tun sie dies auf eine sehr angenehme Art: Sie nehmen einen ernst.
 |
Gespräch mit den Männern vom Einsatzgeschwader Mazar-e-Sharif
|
Besuch des Einsatzgeschwaders MeS. Das Kürzel steht für Mazar-e-Sharif. Kranke können mit dem Hubschrauber oder dem Flugzeug transportiert werden. Das Einsatzgeschwader verfügt über taktisches Radar und kontrolliert den Flugverkehr. Ich besichtige den Flughafen mit den Fracht- und Wartungshallen, den Tornados, der Transall-Maschinen und Helikoptern. Danach treffe ich Soldatinnen. Vor zehn Jahren wären Frauen bei der Truppe undenkbar gewesen. Bis 2001 durften sie nur in den Sanitätsdienst oder zur Militärmusik. Jetzt gehören sie dazu, ohne dass irgendjemand an ihrer Einsatzstärke oder gar ihrer Eignung zweifelt. "Wir werden hundertprozentig akzeptiert“, sagt eine junge Soldatin im Gespräch. Die Gemischte Aufklärungskompanie hat zwei wichtige Aufgaben: Sie soll im Norden Afghanistans aufklären und dieses Gebiet überwachen. Sie tut dies mit bodengebundener Späh- und Radaraufklärung sowie luftgestützten, unbemannten Aufklärungsmitteln. Gemeint sind etwa – kleines Schmankerl für Experten – der Drohnenzug Luna, den ich auch ich einmal starten darf, oder die Drohne Aladin für kurze Strecken.
 |
Mit dem Drohnenzug Luna
|
Die Soldaten reden erstaunlich offen mit mir. Die Berliner Politik sehen sie kritisch und verschweigen das auch nicht. Sie fürchten nichts so sehr wie ein Parteiengezänk, das auf ihrem Rücken ausgetragen wird. "Wir brauchen den Rückhalt des ganzen Bundestages", sagen sie. Und alle wünschen sich, dass die Bürger zu ihnen stehen. Sie riskieren ihr Leben und wollen, dass dies auch so gesehen wird. Sie befänden sich, das sagen sie ganz offen, in einem Krieg. Und wer eine paar Tage mit ihnen lebt, empfindet es genauso. Besuch des Sanitätseinsatzverbandes MeS: Unglaublich, dort steht ein komplettes Krankenhaus! Der Oberstarzt zeigt mir den Zahnarztbehandlungsraum, die Chirurgie, CT, OP, Intensivstation – alles hat Standard eines Kreiskrankenhauses. In dieser Klinik werden vor allem deutsche und alliierte Soldaten versorgt – und Afghanen, wenn es die Kapazitäten zulassen. Hilfe erhalten auch die Afghanischen Sicherheitskräfte, die Afghanische Nationalarmee und die Afghanische Nationalpolizei beim Aufbau eines eigenen Sanitätsdienstes. Den Soldaten schenkt diese Klinik ein Gefühl der Sicherheit, das für die Moral der Truppe nicht zu unterschätzen ist. Sollten sie verwundet werden, wissen sie, dass sie sofort exzellent behandelt und notfalls auch ausgeflogen werden können.
In Deutschland kämen die Verwandten, Freunde und Partner zum Krankenbesuch – dies ist hier nicht möglich. Deshalb müssen Ärzte, Schwestern und Pfleger – mehr noch als in der Heimat – gute Psychologen sein.
Lesen Sie auch den dritten Teil: Glühwein bei 15 Grad plus